Der malaysische Islamgelehrte Chandra Muzaffar


Chandra Muzaffar ist einer der bekanntesten malaysischen Menschenrechtsaktivisten und Intellektuellen. Er kritisiert die Hegemonie des Westens, zugleich meint er, dass die Muslime ihr Verständnis des Islams und seiner Traditionen grundlegend überdenken müssten. Von Yogi Sikand

Chandra Muzaffar; Foto: ces.fas.harvard.edu
Bild vergrössern Nachdem er an einigen malaysischen Universitäten gearbeitet hat, steht Chandra Muzaffar heute dem in Kuala Lumpur ansässigen "Just World Trust" vor, einer NGO, die sich dem interreligiösen Dialog verschrieben hat.
Nachdem er an einigen malaysischen Universitäten gearbeitet hat, steht Chandra Muzaffar heute dem in Kuala Lumpur ansässigen "Just World Trust" vor, einer NGO, die sich dem interreligiösen Dialog verschrieben hat.

"Universelle Werte": Zu den fundamentalen Werten, die Chandra Muzaffar im Koran findet, gehören Freiheit, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Gnade, Liebe, Gleichheit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Fairness und Hingabe zur Sache der Armen und Unterdrückten.

"Wendepunkt der Geschichte": Muzaffar meint, dass ein Gutteil der Verantwortung für die wachsende Polarisierung zwischen der islamischen Welt und dem Westen, die in den vergangenen Jahren zu beobachten war, bei den Muslimen selbst liegt.

"Herausforderung der globalen Machtstrukturen ": In seinen Büchern kritisiert Muzaffar die westliche 'Politik globaler Hegemonie'.

Chandra Muzaffar ist ein produktiver Autor und hat in Malaysia wie in anderen Ländern bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Eines seiner Hauptanliegen, in seinem Werk wie in seiner Arbeit als Aktivist, ist es, für eine islamische Ethik des inter-religiösen Dialogs zu werben.

Er ist davon überzeugt, dass ein solcher Dialog ein Auftrag ist, der sich aus dem Islam selbst ergibt – ganz abgesehen davon, dass er in einem multi-religiösen wie multi-ethnischen Land wie Malaysia unverzichtbar ist.

Doch auch auf globaler Ebene ist dieser Dialog von größter Bedeutung, vor allem seit viele Konflikte immer öfter zu religiösen Auseinandersetzungen zwischen dem Islam und anderen Glaubensrichtungen und Ideologien deklariert werden, selbst wenn sie in erster Linie ökonomischer und politischer Natur sind.

"Muslims, Dialogue and Terror" heißt das Hauptwerk Muzaffars zum Thema Islam und inter-religiöser Dialog. Er versucht darin eine glaubensübergreifende Ethik zu formulieren, die sich in einem erweiterten Verständnis des Islam gründet.

Wie viele andere sozial engagierte Islamgelehrte unserer Zeit bemüht sich auch Muzaffar um einen direkten Zugang zum Koran, um den Glauben zu verstehen und interpretieren zu können. Den gesamten Korpus der Fiqh (der islamischen Rechtswissenschaft) streift er dabei nur und auch die Hadith (die Überlieferungen der Worte und Taten Mohammeds) kommt nur am Rande vor.

Dies kann nicht überraschen, enthalten diese Quellen doch zahlreiche Leitsätze, die, um es vorsichtig auszudrücken, harmonischen Beziehungen zwischen Muslimen und Angehörigen anderer Glaubensrichtungen ziemlich ablehnend gegenüberstehen.

Betonung ethischer Werte

Muzaffar beschreibt den Koran als "ein Buch, dessen Hauptziel es ist, das spirituelle und moralische Bewusstsein des Menschen zu steigern." Dieses Verständnis des Koran führt ihn zur Betonung dessen, was er als grundlegende ethische Werte, den Geist des Textes ansieht, wodurch er sich gegen eine wortwörtliche Auslegung des Koran wendet.

Aufgeschlagener Koran; Foto: dpa
Bild vergrössern "Universelle Werte": Zu den fundamentalen Werten, die Chandra Muzaffar im Koran findet, gehören Freiheit, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Gnade, Liebe, Gleichheit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Fairness und Hingabe zur Sache der Armen und Unterdrückten.
Zu den fundamentalen Werten, die Muzaffar im Koran findet, gehören Freiheit, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Gnade, Liebe, Gleichheit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Fairness und Hingabe zur Sache der Armen und Unterdrückten. Diese Werte sieht er als universell an – und so, argumentiert Muzaffar, könnten Muslime sie auch nicht exklusiv für sich beanspruchen.

Auf diese Weise gelingt es Muzaffar, eine islamische Ethik des inter-religiösen Dialogs zu formulieren, die auf dem Koran basiert, die den Geist des Textes höher schätzt als die einzelnen Buchstaben und die sich auf das gründet, was er als fundamentale und universelle Werte des Textes ansieht.

Muzaffar nennt dieses Zugang zum Koran "Werte-basiert". Er stellt ihn dem traditionellen, an die Fiqh angelegten Zugang gegenüber, der den Buchstaben des Koran als wichtiger einstuft als den dahinter liegenden Geist, der sich vor allem auf die sich immer weiter verzweigende Tradition der Fiqh stützt und der – und das in fast obsessiver Weise – das religiös Formalistische betont: Äußerlichkeiten, Symbole, Rituale, Gesetze und Regeln, und so ein eingeengtes Verständnis der muslimischen Identität schafft.

So steht ein universeller, flexibler, offener und einschließender Ansatz einem partikularistischen, rigiden, abgeschlossenen und ausschließendem gegenüber. Wo der erstgenannte Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Mitgefühl und Gleichheit betont, hebt letzterer Kontrolle hervor, Autorität, Härte und Hierarchie.

Der erste Ansatz ist ein offener gegenüber Nicht-Muslimen, reicht ihnen die Hände als Mit-Menschen und schätzt die gemeinsamen Werte, die ihre Religionen mit denen des Islams verbinden. Der letzte steht Menschen anderen Glaubens feindlich gegenüber oder duldet sie höchstens widerwillig.

Historische Notwendigkeit

Auf Grundlage dieses "werte-basierten" Islam mahnt Muzaffar deshalb eine grundlegende Neubesinnung im islamischen Denken an und argumentiert in "Muslims, Dialogue and Terror":

"Es ist doch offensichtlich, dass ein undogmatischer Ansatz gegenüber dem Islam, der den Vorrang ewiger, universeller geistiger und moralischer Werte hervorhebt und gleichzeitig die Bedeutung von Ritualen, Symbolen und religiöser Praktiken anerkennt, der beste und vernünftigste Weg zum praktizierten Glauben in der heutigen Welt darstellt.

Der werte-basierte Ansatz – als Antithese zum einzig auf Rituale und Symbole gestützten Ansatz – erscheint so nicht nur aus religiöser Sicht legitimer, sondern gar als notwendig an diesem Wendepunkt der Geschichte."

Anti-amerikanische Proteste in Indonesien; Foto: AP
Bild vergrössern "Wendepunkt der Geschichte": Muzaffar meint, dass ein Gutteil der Verantwortung für die wachsende Polarisierung zwischen der islamischen Welt und dem Westen, die in den vergangenen Jahren zu beobachten war, bei den Muslimen selbst liegt.
In einem breit angelegten Überblick über die Beziehungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in verschiedenen Ländern, aber auch auf globaler Ebene, führt Muzaffar vor, dass es eine ganze Reihe von Faktoren ist, die zur Polarisierung zwischen ihnen beigetragen haben, insbesondere nach dem 11. September.

Ein Gutteil dieser Verantwortung sieht Muzaffar bei den Muslimen selbst, doch meint er auch, dass "die Politik der globalen Hegemonie, die von den imperialen Ambitionen Washingtons ausgeht" eine wichtige Rolle spielt.

Gerade dieser letzte Punkt führt ihn zu der Schlussfolgerung, wie bereits in vielen vorherigen Büchern, dass der Zusammenhalt zwischen den Religionen und Gemeinschaften auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit es zwingend erfordert, auch die herrschenden globalen Machtstrukturen auf globaler Ebene in Frage zu stellen.

Dies bezieht sich vor allem auf den Westen und insbesondere auf die USA, deren politische, ökonomische und kulturelle Hegemonie er als einen der entscheidendsten Faktoren für den Konflikt zwischen den Muslimen und dem Westen ansieht.

Menschen als Brüder und Schwestern

Cover 'Globalisation' von Chandra Muzaffar; Bild: Verlag
Bild vergrössern "Herausforderung der globalen Machtstrukturen ": In seinen Büchern kritisiert Muzaffar die "westliche Politik globaler Hegemonie".
Diese Aufgabe, insistiert Muzaffar, muss Hand in Hand gehen mit der Bereitschaft auf Seiten der Muslime, sich selbst kritisch zu hinterfragen und die Verantwortung für die eigenen Probleme nicht immer nur bei den anderen zu suchen.

Umgekehrt erfordert dies eine grundlegende Neubewertung der Art und Weise, wie die Muslime ihre Religion verstehen, ihre Identität und Tradition. Insbesondere sei es notwendig, "die harte Kruste des exklusiven, dogmatischen Denkens aufzubrechen" und sich einem "inklusiven, universellen Ansatz zuzuwenden".

Um Kritikern zuvorzukommen, die dies als Ausverkauf der islamischen Lehren sehen, besteht Muzaffar darauf, dass ein solcher Ansatz durchaus im Einklang mit dem Islam steht, der "alle Menschen als Brüder und Schwestern ansieht, die derselben conditio humana unterworfen sind."

Der erbärmliche Zustand, in dem sich so viele muslimische Gesellschaften und Staaten befinden, aber auch die angespannten Beziehungen zu Nicht-Muslimen, haben sehr viel zu tun mit dem dogmatischen Verständnis des Islam, das die grundlegenden Werte des Koran nicht zur Kenntnis nimmt, die er in seiner Interpretation darin findet.

Die Basis gemeinsamer Überzeugungen und Werte

Um zu diesem neuen Zugang zum Islam und zur islamischen Moral als neuem Glaubensparadigma zu gelangen, müssen die Muslime "ihrem gesamten Denken über den Islam eine neue Richtung geben", und sich dabei vor allem dem annähern, was Muzaffar als die grundlegenden moralischen Werte des Korans beschreibt.

Auf diese Weise könnte durchaus ein neues Verständnis der islamischen Theologie und des islamischen Rechts entstehen, die ihre Wurzeln in diesen Werten haben – Werte, die nicht auf den Islam allein beschränkt, sondern universeller Natur sind.

Muzaffar ist sich des wachsenden Einflusses konservativer und radikaler Gruppen bewusst, die jeden inter-religiösen Dialog strikt ablehnen und den Islam auch weiterhin in einer engen und exklusiven Weise ausgelegt wissen wollen. Dennoch besteht er darauf, dass der Islam den Dialog mit Nicht-Muslimen suchen muss. So verweist er etwa darauf, dass der Koran Muslime, Juden und Christen aufruft, auf der Grundlage gemeinsamer Überzeugungen und Werte zusammenzukommen.

Die Charta von Medina zwischen den vom Propheten Mohammed angeführten Muslimen, den Juden und den Nichtgläubigen der Stadt, aber auch den Pakt von Nadschran zwischen dem Propheten und den Christen, sieht Muzaffar als praktischen Ausdruck der vom Koran ausgehenden Verpflichtung zum inter-religiösen Dialog und zur Solidarität, zur Verpflichtung, "miteinander in Frieden zusammenzuleben."

Yogi Sikand

© Qantara.de 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Plädoyer für den interreligiösen Dialog

"Die Muslime sollen in Deutschland heimisch werden"


Das Gespräch zwischen den Religionen ist für den deutschen Staat unverzichtbar, schreibt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Es stärke die Basis des Gemeinwesens jenseits von Wahrheitsansprüchen.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble; Foto: AP/DW
Bild vergrössern "Der interreligiöse Dialog verdeutlicht, dass es jenseits des jeweiligen Wahrheitsanspruchs eine gemeinsame Basis gibt. Ohne eine solche Basis kann es auch keine Anerkennung religiöser Vielfalt geben", meint Innenminister Wolfgang Schäuble.
Wir leben in einer Welt des rasanten Wandels. Der technische Fortschritt der letzten zweihundert Jahre hat unsere Lebensweise grundlegend verändert. Viele meinten deshalb, das Religiöse würde aus unserem Bewusstsein verschwinden.

Tatsächlich erleben wir gerade das Gegenteil: Viele Menschen besinnen sich auf ihre Religion, suchen nach Orientierung und Halt in einer Welt immer schnellerer Umbrüche.

Die Religionen aber tun sich schwer mit dem rasanten Wandel der modernen Welt. Noch schwieriger wird es, wenn Anhänger verschiedener Religionen in einem dicht besiedelten Land leben.

Wenn die Religionen verschiedene Antworten geben und dazu noch unterschiedliche Deutungen einen Anspruch auf Wahrheit erheben, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Es kann aber zu sehr verschiedenen Auffassungen führen, nach welchen Regeln sich das Zusammenleben vollziehen soll.

Religiöse Heterogenität als Herausforderung

Religiöse Heterogenität wird dann zur Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb ist der Dialog zwischen den und mit den Religionen für uns alle wichtig. Er ist dem religiös neutralen Staat ein Anliegen, weil das bessere gegenseitige Verstehen einem guten Zusammenleben dient.

Der interreligiöse Dialog verdeutlicht, dass es jenseits des jeweiligen Wahrheitsanspruchs eine gemeinsame Basis gibt. Ohne eine solche Basis kann es auch keine Anerkennung religiöser Vielfalt geben.

Der Staat fördert den interreligiösen Dialog aber auch, weil er in den Religionen eine Quelle von Orientierung und Gemeinschaftlichkeit sieht.

Auch der säkulare Staat ist angewiesen auf die sinnstiftende Kraft von Religion. Nur aus Vernunft ergibt sich auch kein gutes Miteinander. Deshalb haben wir in Deutschland eine säkulare Ordnung, aber keinen säkularistischen Staat.

Unser Religionsverfassungsrecht ist von einer "positiven Neutralität" geprägt. Sie verbindet die wechselseitige Begrenzung der weltlichen und geistlichen Sphäre mit einem positiven Zusammenwirken beider Sphären - zum Wohle des Einzelnen und der Gesellschaft.

Sich in dieser Ordnung zurechtzufinden, fällt vor allem in Deutschland relativ neuen Religionen wie dem Islam nicht leicht. Erschwert wird die Integration der Muslime in westlichen Staaten auch durch die oft negative Wahrnehmung des Islam.

Impulse durch den christlich-muslimischen Dialog

Die wenigsten Deutschen verbinden mit dieser Religion positive Werte. Ein Grund dafür sind Extremisten, die sich auf den Islam berufen. Sie machen nur eine kleine Gruppe unter den Muslimen aus, aber offenbar erwarten viele Menschen eine deutlichere Abgrenzung vom Extremismus und ein stärkeres Eintreten für unsere Demokratie.

Runder Tisch bei der Deutschen Islamkonferenz; Foto: dpa
Bild vergrössern "Die Muslime in Deutschland müssen sich nach dem geltenden Recht organisieren, wenn sie sich voll einbringen wollen", so Wolfgang Schäuble.
Ein weiterer Grund sind soziale Konflikte, die sich am Bau von Moscheen oder am Kopftuch entzünden. Und schließlich irritieren Widersprüche zwischen unserer Werte- und Rechtsordnung und einigen Aussagen in den islamischen Quellen.

Das ist natürlich nicht nur ein Problem des Islam. Auch die christlichen Kirchen brauchten Zeit, bis sie die Demokratie nicht nur akzeptieren, sondern aus dem christlichen Menschenbild heraus begründen konnten. Heute steht der Islam vor der Herausforderung, sich zu modernisieren.

Der christlich-muslimische Dialog kann dabei wichtige Impulse für eine hier in Deutschland stattfindende innerislamische theologische Auseinandersetzung mit Themen wie Säkularität, Menschenwürde oder auch Gleichberechtigung geben.

Die Kirchen können Erfahrungen vermitteln - ob in der Seelsorge, der Betreuung von Unfallopfern, bei der Bestattung oder bei Fragen der Selbstorganisation.

"Die Muslime sollen in Deutschland heimisch werden"

Dass die Muslime in Deutschland hier heimisch werden, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Der deutsche Staat will, dass sie Institutionen gründen, die in unserer freiheitlichen Ordnung verankert sind.

Die Muslime in Deutschland müssen sich nach dem geltenden Recht organisieren, wenn sie sich voll einbringen wollen. Die Deutsche Islam-Konferenz hilft ihnen dabei, indem sie Lösungen erarbeitet, etwa für den islamischen Religionsunterricht oder das islamische Bestattungswesen.

Ob in der Deutschen Islam-Konferenz oder im täglichen Miteinander: Wir alle sollten uns um ein gutes Verhältnis zwischen den Religionen und ihren Anhängern bemühen. Dann wird mehr religiöse Vielfalt uns nicht nur bereichern, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land stärken.

Wolfgang Schäuble

© Stuttgarter Nachrichten 2009